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O bona libertas, pretio pretiosior omni! / O summum primumque decus, qua prorsus adempta / nil gratum, nil dulce viris et vivere mors est. | O wohltätige Freiheit, höchster Wert von allem! O höchstes und wichtigstes Kleinod, nach dessen Verlust einem Mann nichts mehr willkommen und erfreulich sein kann und Leben dem Tod gleichkommt.

O consuetudo peccandi, quantam habes iucunditatem improbis et audacibus, cum poena abfuit et licentia consecuta est! | Gewohnheit des Verbrechens, wieviel Annehmlichkeiten bietest du frechen Bösewichten, wenn die Strafe ausblieb und Willkürherrschaft folgte.

O curas hominum, o quantum est in rebus inane! | Welche Sorgen, wieviel Leere in allem!

O dulce nomen libertatis! | O süßer Begriff Freiheit!

O dulce tormentum, ubi reprimitur gaudium! | Welch süße Bitternis ist es doch, wenn Freude aufgehalten wird.

O fallacem hominum spem! | Wie trügerisch sind doch die Hoffnungen der Menschen!

O faustum et felicem diem! | Welch ein glücklicher und gesegneter Tag!

O fortes peiora passi / mecum saepe viri! | O ihr tapferen Männer, die ihr mit mir schon Schlimmeres erduldet habt!

O Fortuna levis, cui vis, das dulcia quaevis, / infundis, cui vis, tua munera dividis, ut vis. / Das, cui vis, quod vis, quantum vis, tempore, quo vis. / Sed cum vis, quaevis auferet hora brevis. | O wankelmütiges Glück, wen du magst, beschenkst du mit allen möglichen Freuden, wen du magst, überhäufst du, wie du magst, teilst du deine Gaben zu. Wen du magst, dem gibst du, was du willst, wieviel du willst, wann du willst. Aber wenn du willst, nimmt eine kurze Stunde alles wieder weg.

O fortuna, ut numquam perpetuo es bona. | O Glück, daß du doch nie auf Dauer günstig bist.

O fortunatam natam me consule Romam! | Glückliches Rom, das unter mir als Konsul neu geboren wurde!

O fortunate adulescens, qui tuae virtutis Homerum praeconem inveneris! | Glücklicher Jüngling, der du einen Homer zum Künder deiner Tapferkeit gefunden hast!

O fortunatos nimium, sua si bona norint. | Die Überglücklichen, wenn sie ihre wahren Werte kennen würden!

O homo, si scires, quid esses et unde venires, / numquam gauderes, sed omni tempore fleres. | O Mensch, wüßtest du, was du bist und woher du kommst, du würdest dich nie freuen, sondern allezeit nur weinen.

O imitatores, servum pecus. | O ihr Nachahmer, Herdensklaven!

O jerum, jerum, jerum, o quae mutatio rerum! | O weh, o weh, o weh, wie hat sich die Lage verändert!

O magnam vim veritatis, quae contra hominum ingenia, calliditatem, sollertiam contraque fictas omnium insidias se per se ipsa defendat! | Wie groß ist doch die Macht der Wahrheit, daß sie trotz der durchtriebenen Tricks der Menschen, ihrer List und Tücke und trotz der fantasiereichen Fallen aller sich mühelos selbst verteidigt!

O matre pulchra filia pulchrior! | O schöner Mutter schönere Tochter!

O maxima rerum / et merito pietas homini tutissima virtus! | Pflichtgefühl, du bist zu Recht das Größte und unter den Tugenden die unstrittigste für den Menschen.

O mihi praeteritos referat si Iuppiter annos! | Brächte Jupiter mir doch die vergangenen Jahre zurück.

O miseras hominum mentes! o pectora caeca! / Qualibus in tenebris vitae, quantisque periclis / degitur hoc aevi quodcumque est! nonne videre / nil aliud sibi naturam latrare, nisi utqui / corpore seiunctus dolor absit, mensque fruatur / ucundo sensu cura semota metuque? | Welch erbärmlicher Sinn des Menschen, welch verblendetes Herz! In welcher Finsternis und wie großer Gefahr verbringt man das bißchen Leben! Warum erkennt man nicht, daß die Natur nichts anderes verlangt, als daß jeglicher Schmerz vom Körper getrennt sei und sie, frei von Angst und Sorge, sich heiterer Empfindung erfreuen kann?

O miseri, quorum gaudia crimen habent! | Ihr Elenden, die nur aus Verbrechen Lust gewinnen!

O nullis tutum credere blanditiis! | Wie riskant ist es doch, Schmeicheleien zu trauen!

O passi graviora, dabit deus his quoque finem. | Ihr, die ihr Schweres erlitten habt, ein Gott wird auch diese Leiden beenden.

O pessimum periclum, quod opertum latet! | Am schlimmsten ist die Gefahr, die im Verborgenen lauert.

O praeclarum custodem ovium lupum! | Welch prächtiger Schafhirte ist doch der Wolf!

O quam bene cum quibusdam ageretur, si a se aberrarent. | Wie gut ginge es doch manchen Menschen, wenn sie von sich selbst loskommen könnten.

O quam contempta res est homo, nisi supra humana surrexerit! | Welche verächtliches Wesen ist doch der Mensch, wenn er sich nicht über Menschliches erhebt!

O quanta species! cerebrum non habet. | Welcher Anblick! Doch leider ohne Gehirn.

O quid solutis est beatius curis! | Was gibt es Seligeres, als von Sorgen erlöst zu sein!

O Roma nobilis, orbis et domina, / cunctarum urbium excellentissima! | Edles Rom, Herrin der Welt, prächtigste aller Städte!

O sacer et magnus vatum labor! Omnia fato / eripis et populis donas mortalibus aevum. | O heiliges und großes Werk der Dichter! Du entreißt alles dem Untergang und verleihst den sterblichen Völkern Ewigkeit.

O saeculum, o litterae, iuvat vivere. | Welch Jahrhundert, welche Wissenschaften, es ist eine Lust zu leben.

O sancta iustitia! | O heilige Gerechtigkeit!

O sancta simplicitas! | O heilige Einfalt!

O tacitum tormentum animi conscientia! | Welche stille Folter ist doch das Schuldbewußtsein!

O tempora, o mores! | Welche Zeiten, welche Zustände!

O terque quaterque beati! | O ihr dreimal und viermal Glücklichen! (bezogen auf die, die im Kampf um Troja fielen und nicht die Leiden der Irrfahrt ertragen mußten )

O Tite, tute, Tati tibi tanta, tyranne, tulisti! | O Titus Tatius, du Tyrann, du hast dir dieses so große Unheil selbst zugezogen!

O vim maximam erroris! | Wie gewaltig ist doch die Macht des Irrtums!

O vita, misero longa, felici brevis! | Wie lang ist das Leben doch für den Elenden, wie kurz für den Glücklichen!

O vitae philosophia dux, o virtutis indagatrix expultrixque vitiorum! Quid non modo nos, sed omnino vita hominum sine te esse potuisset? | O Philosophie, wie lenkst du doch das Leben, spürst die Tugend auf, vertreibst die Laster! Was könnten nicht nur wir, sondern überhaupt das Leben der Menschen ohne dich sein?

Obiit anus, abiit onus. | Die Alte ist gestorben, die Last ist fort.

Obiit. | Er ist gestorben. (Inschrift auf Grabmälern)

obiter dictum | nebenbei gesagt

Obiurgari in calamitate gravius est quam calamitas. | Im Unglück auch noch gescholten zu werden ist schlimmer als das Unglück selbst.

Obiurigationi blandum admisceas. | Mische Liebkosungen unter deinen Tadel.

Obligari potest pater familias suae potestatis et pubes compos mentis. | Verbindlich werden kann nur ein Hausvater, der rechtlich selbständig ist, und ein Mündiger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

Obligatio est iuris vinculum, quo necessitate adstringimur alicuius rei solvendae secundum iura nostrae civitatis. | Eine Verbindlichkeit ist ein rechtliches Band, durch das wir nach den Rechten unseres Staates mit Notwendigkeit verpflichtet werden, eine gewisse Leistung zu erbringen.

Obligatio mandati consensu contrahentium existit. | Eine Verbindlichkeit aus einem Auftrag entsteht durch Übereinstimmung der Vertragspartner.

Obligatio semel extincta instaurari non potest. | Eine einmal erloschene Verbindlichkeit kann nicht wieder aufleben.

Obligationum substantia non in se consistit, ut aliquod corpus nostrum aut servitutem nostram faciat, sed ut alium nobis adstringat ad dandum aliquid vel faciendum vel praestandum. | Das Wesen der Verbindlichkeiten besteht nicht darin, daß es ein Objekt oder eine Dienstbarkeit zu unserer Verfügung stellt, sondern daß es einen anderen uns gegenüber verpflichtet, etwas zu geben oder zu tun oder zu gewähren.

Oboedientia) magna virtus est rationalis creaturae | Gehorsam ist ein großer Vorzug der vernünftigen Geschöpfe.

Oboedire oportet Deo magis quam hominibus. | Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Oboedite praepositis vestris et subiacete eis. | Gehorcht euren Vorgesetzten und folget ihnen.

obscurum per obscurius | das Dunkle mit Hilfe von noch Dunklerem (zu erklären versuchen)

Obsequium amicos, veritas odium parit. | Nachgiebigkeit schafft Freunde, die (ungeschminkte) Wahrheit Haß.

Obsequium nuptae cito fit odium paelicis. | Die Willfährigkeit der Ehefrau führt rasch zur Empörung der Konkubine.

Observat sapiens sibi tempus forte loquendi; / insipiens loquitur spretum sine tempore verbum. | Wer klug ist, achtet gerade auf die Zeit, zu der er spricht; der Tor spricht zur Unzeit ein verwerfliches Wort.

Obstipui steteruntque comae et vox faucibus haesit. | Ich erstarrte, und die Haare standen mir zu Berge, und das Wort blieb mir im Hals stecken.

Occasio aegre offertur, facile amittitur. | Gelegenheit bietet sich nur schwer, aber leicht entschwindet sie.

Occasio facit furem. | Gelegenheit macht Diebe.

Occasio receptus difficiles habet. | Eine (verpaßte ) Gelegenheit kehrt kaum zurück.

Occasionem capier, non rapier decet. | Eine Gelegenheit muß man ergreifen, nicht vernichten.

Occasionem oblatam tenete! | Haltet die Gelegenheit, die sich bietet, fest!

occidentem deserere, orientem spectare | dem Sonnenuntergang den Rücken kehren, sich dem Sonnenaufgang zuwenden

Occidi est pulchrum, ignominiose ubi servias. | Sterben ist schön, wenn man schändlich dienen muß.

Occidis fabulans. | Du bringst mich mit deinem Geschwätz noch um.

Occidit miseros crambe repetita magistros. | Am ständig aufgewärmten Kohl gehen die armen Schulmeister zugrunde.

Occidit, qui non servat periturum, ubi potest. | Wer einem in einer Notlage nicht hilft, wenn er kann, bringt ihn um.

Occultum visus decurrere piscis ad hamum. | Man sah ihn wie einen Fisch auf den versteckten Angelhaken zuschwimmen.

Occupantis melior est condicio. | Die Lage dessen, der Besitz ergreift, ist vorteilhafter.

Occupet extremum scabies. | Den letzten soll der Teufel holen.

Occursus mehercules ipse sapientium iuvat, et est aliquid, quod ex magno viro vel tacente proficias. | Schon die Begegnung mit Weisen ist, bei Gott, förderlich, und einen Nutzen hat man immer von einem großen Mann, selbst wenn er schweigt.

Oculi avidiores sunt quam venter. | Die Augen sind begieriger als der Magen.

Oculi dolent. | Die Augen schmerzen.

Oculi et vestigia domini res agro saluberrimae. | Augen und Fußstapfen des Herrn bringen dem Acker den größten Ertrag.

Oculi hominum insatiabiles. | Die Augen der Menschen sind unersättlich.

Oculi plus vident quam oculus. | (Zwei) Augen sehen mehr als ein Auge.

Oculi sunt in amore duces. | Die Augen übernehmen in der Liebe die Führung.

Oculis magis habenda fides quam auribus. | Den Augen ist mehr zu trauen als den Ohren.

oculos aperire | die Augen öffnen

Oculos habent et non videbunt. | Sie haben Augen und sehen nicht.

Oculum pro oculo et dentem pro dente. | Auge um Auge und Zahn um Zahn.

oculus domini | das Auge des Herrn

Oculus domini saginat equum. | Das Auge des Herrn läßt ein Pferd gedeihen.

Oderint, dum metuant. | Sollen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten. (Wahlspruch des Kaisers Caligula)

Oderint, dum probent. | Sie mögen mich hassen, wenn sie mir nur recht geben.

Oderunt hilarem tristes tristemque iocosi. | Die Betrübten hassen den Heiteren, die Lustigen den Betrübten.

Oderunt peccare boni virtutis amore: / tu nihil admittes in te formidine poenae. | Anständige Leute hassen es, zu sündigen, aus Liebe zur Tugend: aus Furcht vor Strafe wirst du keiner Verführung mehr erliegen.

Oderunt peccare mali formidine poenae, / oderunt peccare boni virtutis amore. | Die Schlechten vergehen sich nicht gern aus Furcht vor Bestrafung, die Guten vergehen sich nicht gern aus Liebe zur Tugend.

Odi et amo; quare id faciam, fortasse requiris. / Nescio, sed fieri sentio et excrucior. | Ich hasse und liebe. Warum ich das tue, fragst du vielleicht. Ich weiß es nicht, doch daß es geschieht, fühle ich und leide schrecklich darunter.

Odi memorem compotorem | Ich hasse einen Mitzecher mit Gedächtnis (d. h. einen, der etwas unter Freunden oder im Rausch Gesagtes weiterträgt).

Odi profanum vulgus et arceo. | Ich hasse das gemeine Volk und halte es fern von mir.

Odi puerulos praecoqui sapientia. | Ich hasse die neunmalklugen Jüngelchen.

Odia qui nimium timet, / regnare nescit. | Wer Haß zu sehr fürchtet, versteht nicht zu herrschen.

Odia restringi et favores convenit ampliari. | Unerfreuliches sollte man mit Einschränkungen, Günstiges großzügig anwenden.

Odia sub vultu, sub osculo etiam multorum latent. | Haß lauert hinter dem Lächeln vieler, ja sogar hinter ihrem Kuß.

Odio oportet ut peccandi, non metu facias bonum. | Man muß Gutes tun, weil man das Böse haßt, nicht weil man es fürchtet.

odisse aeque atque angues | wie Schlangen hassen

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